Hundert Stellen und fünf Jahre später
Im Sommer 2016 sind wir 40 Kilometer des Linzer Radwegenetzes selbst abgefahren und haben dabei einen Katalog von über 100 Problemstellen erstellt,1 die wir mit Fotos und GPS-Daten dokumentiert haben.2 Als besonders gefährliche Hot-Spots haben wir unter anderem die Nibelungenbrücke, die Unionkreuzung, die Rudolfstraße und den Kreuzungsbereich Linke Brückenstraße genannt.3 Den Katalog haben wir dem damaligen Infrastrukturstadtrat Markus Hein (FPÖ) übergeben, und er hat abgelehnt.4 „Mit dem Budget kann man wirklich große Probleme nicht lösen, nur kleine Maßnahmen umsetzen“, hat Hein zu den 285.000 Euro gesagt, die damals im Jahr für den Radverkehr vorgesehen waren.5 Vieles sei erst nach der Fertigstellung des Westrings möglich, und eine Nebenbrücke für Radfahrende um 5 Millionen Euro sei derzeit nicht finanzierbar.6
Zwischen November 2020 und Mai 2021 haben wir uns die 100 Problemstellen noch einmal angeschaut.7 Bei 69 hatte sich nichts geändert, 3 waren behoben, und bei den übrigen 28 gab es teils Verbesserungen, teils Baustellen oder sogar Verschlechterungen.89 Fünf Jahre nach der Übergabe ist also fast nichts geschehen, wie wir im September 2021 festgehalten haben.10
- 69 unverändert seit 2016
- 28 anderer Befund, teils besser, teils Baustelle oder schlechter
- 3 behoben
Im Juni 2022 haben wir angekündigt, die Liste zum Tag des Fahrrads noch einmal zu übergeben, diesmal dem neuen Verkehrsreferenten Martin Hajart (ÖVP),1112 als Unterstützung, denn er wollte beim Radverkehr das Tempo erhöhen.13 Übermittelt habe ich ihm die 100 Problemstellen dann am Tag des Fahrrads.14
Der Radstreifen auf der Nibelungenbrücke
Über die Nibelungenbrücke, 250 Meter lang mit sechs Fahrstreifen, fahren täglich rund 30.000 Fahrzeuge.15 Radquerungen hat die Stadt dort 982.317 im Jahr 2024 gezählt und 878.213 im Jahr 2025.16 Im Mai 2023 haben Land und Stadt angekündigt, dass die Brücke ab Herbst 2024 je einen Fahrstreifen pro Richtung für den Radverkehr bekommt, sobald die neue Westringbrücke für den Verkehr frei ist.17 Verschoben wurde das Provisorium dann auf April 2025, offiziell, um es aus dem Wahlkampf zur Bürgermeisterwahl herauszuhalten.18
Die Radstreifen sollten ab 7. April 2025 freigegeben werden.19 Am 15. April haben Landesrat Günther Steinkellner (FPÖ) und Vizebürgermeister Hajart dann entschieden, den Streifen auf der Seite des Neuen Rathauses nicht weiterzuführen, auf der Seite des Lentos ist er geblieben.20 Begründet hat die Stadt das mit 97 brenzligen Situationen zwischen Straßenbahnen und Fahrzeugen, die die Linz Linien dokumentiert hatten.21 Steinkellner hat dazugesagt, die Situation für Radfahrende solle sich verbessern, ohne dass es zu Einschränkungen für den motorisierten Verkehr kommt.22 Schon am 17. April haben viele Menschen gemeinsam mit Anrainer:innen rund um die Rudolfstraße gegen den Umgang mit dem Radweg auf der Nibelungenbrücke protestiert, und ich war mit dabei.23 Ab 24. April wurde der Streifen auf der Rathausseite wieder zurückgebaut.24
Gemeinsam mit NEOS, MFG, KPÖ und Ahoi haben wir in einem Dringlichkeitsantrag verlangt, die Testphase bis Ende 2026 beizubehalten, und das Präsidium hat den Antrag für unzulässig erklärt, weil Hajart hier im übertragenen Wirkungsbereich die Zuständigkeit des Bürgermeisters ausübe.25 Gekostet hat das Provisorium laut Hajart insgesamt 455.700 Euro, die Stadt hat davon 16.200 Euro getragen, und die Leitwände wurden angekauft, damit man sie weiterverwenden kann.26 Bürgermeister Prammer (SPÖ) hat im Juni 2025 im Gemeinderat gesagt: „Kollege Steinkellner ließ dann aus der baulichen Umsetzung ein Provisorium machen, mit dem wir von Anfang an unglücklich waren.“ Und weiter: „Meiner Einschätzung nach war es so von vornherein zum Scheitern verurteilt.“27 Die Testphase hätte zeigen sollen, ob die Radstreifen bei der Generalsanierung der Brücke dauerhaft bleiben.28 Diese Sanierung verzögert sich, und das Provisorium bleibt laut ORF mindestens bis 2032.2829
Mehr Radfahrende, aber zu wenig Geld
Trotzdem fahren die Linzerinnen und Linzer heute mehr Rad als früher, der Anteil der Wege mit dem Rad ist von 7,2 Prozent im Jahr 2012 auf 10,7 Prozent im Jahr 2022 gestiegen.30 Der Gemeinderat hat im April 2014 beschlossen, den Radanteil bis 2020 auf 15 Prozent zu verdoppeln,31 und die neue Fahrradstrategie setzt jetzt 18 Prozent bis 2032 als Ziel.32 Bei der Linzer Radparade in der Europäischen Mobilitätswoche bin ich im September 2023 mitgefahren.33
Das Linzer Budget für Radverkehrsplanungen lag laut Fahrradstrategie in der Vergangenheit bei 2 bis 3 Euro pro Einwohnerin und Einwohner und wurde 2023 auf 10 Euro angehoben, während vergleichbare Städte im Schnitt bei 10 bis 15 Euro liegen.34 Laut derselben Strategie kam Graz auf 17 Euro aus dem Stadtbudget und weitere 17 Euro vom Land Steiermark, Salzburg und Innsbruck auf je 15 Euro, jeweils dazu noch Geld für Marketing.35 Beschlossen wurde die Fahrradstrategie 2024 nur mit dem Zusatz, dass Maßnahmen aus dem Geld bezahlt werden müssen, das schon im Budget beschlossen ist,36 und im Voranschlag 2026 stehen für die Errichtung von Rad- und Wanderwegen 1,0 Millionen Euro.37
Mehr Geld für den Radverkehr haben wir mehrfach beantragt, 2018 mit einer Radverkehrsoffensive für das Budget 201938 und ein Jahr später gemeinsam mit der ÖVP mit dem Vorschlag, sich beim Radbudget an Salzburg zu orientieren, und beide Anträge sind gescheitert.39 Eine Mehrheit hat dagegen im Jänner 2023 unser Antrag bekommen, die Radroute über die Stahlstraße vom und in den Linzer Süden zu verbessern.40
Eine Nord-Süd-Route, die nicht kommt
Die wichtigste Radroute zwischen Hauptplatz und Urfahr und dem Linzer Süden ist laut Fahrradstrategie die Cityroute Ost durch die Schubertstraße, sie hat dort sehr hohe Priorität, und umgesetzt werden sollte ein erster Abschnitt 2024 und der Rest ab 2025.41 Im September 2025 haben wir beantragt, diesen Radhighway in der Schubertstraße zeitnah umzusetzen, und ich habe das im Gemeinderat so begründet: „Das ist natürlich schade, da die Landstraße im gleichen Konzept klar als Fußgänger*innen- und Aufenthaltsachse vorgesehen ist. Daher braucht es dann umso mehr für den Radverkehr eine alternative Achse - die Schubertstraße.“42 Vizebürgermeister Hajart hat gesagt, die Fahrradbeauftragte habe schon den Auftrag, das Schritt für Schritt umzusetzen, „aber auch unter der Voraussetzung, dass dort nicht zu viele Parkplätze wegfallen, weil der Parkdruck so hoch ist“,43 und Bürgermeister Prammer hat auf das Innenstadtkonzept verwiesen, mit einem „mittelfristigen Planungshorizont von fünf Jahren bis 2030“.44 Abgelehnt wurde unser Antrag, weil sich SPÖ und ÖVP enthalten und die FPÖ dagegen gestimmt hat.45
Mit dem Westring hat die Stadt beim Radverkehr schon öfter argumentiert. 2016 hat Infrastrukturstadtrat Hein gesagt, vieles sei erst nach der Fertigstellung des Westrings möglich,6 die Radstreifen auf der Nibelungenbrücke sollten mit der neuen Westringbrücke kommen,17 und als Gemeinderat Clemens Brandstetter im Mai 2024 eine Nord-Süd-Radachse durch Dametz- und Humboldtstraße beantragt hat, hat Hajart gesagt: „Bis zur Eröffnung des Westrings, wo dann sicherlich eine Entlastungswirkung auch für diesen Straßenzug kommt, ist zur Kenntnis zu nehmen, dass hier viel Verkehr ist.“46 Im Oktober 2025 hat der Gemeinderat diesen Antrag abgelehnt, SPÖ, ÖVP, FPÖ und NEOS haben sich enthalten.47 Befahrbar sein soll der ganze Westring laut ASFINAG erst ab Dezember 2035.48
Wir schauen wieder hin
„Wir sind schon jetzt wieder mit dem Rad unterwegs und schauen uns die Problemstellen in Linz an, die uns gemeldet werden, damit sie diesmal nicht wieder fünf Jahre liegen bleiben.“50
Wenn dir beim Radfahren in Linz eine Stelle auffällt, an der es eng oder gefährlich ist, dann melde sie uns mit Foto und Ort auf radwegecheck.linz.gruene.at, wir schauen sie uns an.